Nadja Neuner-Schatz

Europäische Ethnologin

Meine Forschung

Masterarbeit 2016 "Wissen Macht Tracht im Ötztal"
Für meine Masterarbeit beschäftigte ich mich mit der Produktion ethnographischen/volkskundlichen Wissens in der Moderne, das ich anhand des volkskundlichen Wissensbestandes zu Tracht untersuchte. Meine Arbeit Wissen Macht Tracht im Ötztal ist als zweiter Band der Reihe bricolage mongrafien. Innsbrucker Studien zur Europäischen Ethnologie im April 2018 bei IUP erschienen ist. Die Studie analysiert zunächst die historische Genese eines spezifischen, volkskundlichen Wissensbestandes, dem Wissen von „Tracht“ im Ötztal, um dann nach der gegenwärtigen Aktualisierung dieses Wissens im Tun „Tracht“ selbst herstellender Akteur_innen zu fragen. Die Ergebnisse zeigen, dass sich das Handeln „Tracht“ herstellender Akteur_innen in einem von Macht und Wissen strukturierten Feld situiert. Für dieses Feld der „Trachten“-Praxis und des „Tracht“-Wissens lässt sich beobachten, wie die gegenwärtigen Akteur_innen volkskundliche Wissensstrategien zitieren und wiederholen. Die Analyse und Historisierung dieser Wissensstrategien zeigen die langzeitige Wirkmächtigkeit volkskundlichen Wissens. Zugleich lässt sich am Fallbeispiel des „Tracht“ Selbstherstellens nach Momenten des kulturellen Aushandelns und Wandels fragen.


MiAS 2014-2016: Euregio-Lehrforschungsprojekt: Migrantische Arbeitswelten in Südtirol 

In einem zweijährigen Lehrforschungsprojekt in den Jahren 2014-2016 an dem ich als Studierende teilnahm, untersuchte ich den Prozess der Subalternisierung von migrierenden Pflegekräften in Südtirol. Das Projekt war als viersemestriges Euregio-Lehrforschungsprojekt der Universitäten Innsbruck und Bozen angelegt und nahm die alltäglichen Arbeits- und Lebensbedingungen von migrierenden Arbeitskräften in Südtirol in den Blick. Für diese Forschung nahm ich an Feldaufenthalten und Lehreinheiten in Bozen, Brixen und Innsbruck teil. Die Ergebnisse erschienen in Migrantische Arbeitswelten in Südtirol, Band 9 der bricolage. Innsbrucker Zeitschrift für Europäische Ethnologie. Mein Beitrag "Subalternisierung in der innerhäuslichen Pflege in Südtirol" thematisiert einen Bereich, in dem in Südtirol vorwiegend migrierende Arbeitskräfte Beschäftigung finden, nämlichen den Sektor der Rund-um-die-Uhr Pflege in sogenannten inhouse-Arrangements. In diesen Arbeitsverhältnissen sind zu einem überwiegenden Teil Frauen tätig. Ihre Lage ist prekär und gekennzeichnet von mehrfachen Abhängigkeiten. Die Tatsache, dass viele der Frauen in der 24-Stunden-Pflege physisch an ihren Arbeitsort gebunden sind, weil dieser Wohn- und Arbeitsplatz zugleich ist, schränkt ihren persönlichen Aktionsradius massiv ein. Zugleich erfordert der Teilarbeitsmarkt der innerhäuslichen Pflege in Südtirol erhöhte Bereitschaft zu Mobilität, die über die Migrationserfahrungen der Frauen hinausgeht. So wechseln die Frauen mit ihrem Arbeitsplatz in den allermeisten Fällen auch ihren Wohnort, ihr ohnehin eingeschränktes soziales Umfeld und andere wichtige Bezugspunkte. In meiner ethnographischen Forschung zu den sozialen, politischen, ökonomischen und individuellen Dynamiken, in denen die pflegenden Frauen tätig sind, begreife ich diese Arbeitsverhältnisse als Subalternisierungsprozesse. Sie erschweren oder verunmöglichen soziale Teilhabe wie politische Organisation.


Lehrforschungsprojekt 2018/19: Was is(s)t Tirol? Sich zu ernähren zwischen globalem Markt und regionaler Lebensmittelproduktion

Im zweisemestrigen Lehrforschungsprojekt "Was is(s)t Tirol? Sich zu ernähren zwischen globalem Markt und regionaler Lebensmittelproduktion", das ich als externe Lehrbeauftragte des Faches Europäische Ethnologie der LFU Innsbruck zusammen mit einer Gruppe von Studierenden des Bachelorstudienganges in der Zeit von Herbst 2018 bis Juni 2019 durchführte, beschäftigte mich die Schnittstelle von Agro-Food Studies und europäisch-ethnologischer Nahrungsforschung. Wir gingen davon aus, dass Ernährungspraxis als alltägliche Praxis einerseits eingebettet ist in aktuelle, gesellschaftspolitische Agenden wie die verstärkte Frage nach Lebensmitteltransparenz, der Suche nach Möglichkeiten der nachhaltigen, regionalen und/oder eigenen Lebensmittelproduktion, dem Bemühen fair und biologisch zu produzieren und zu kaufen sowie der Forderung nach Ernährungssouveränität. Andererseits ist zu essen und sich Essen zuzubereiten vielfach codiert von kulturellen Zuschreibungen, habituellen Vorlieben oder Abneigungen und symbolischen Überlagerungen. Wir begriffen die hiesige (unser geographischer Bezugsrahmen ist das Bundesland Tirol) Lebensmittelproduktion als regionale Lebensmittelproduktion, hinterfragten aber gleichzeitig den Begriff der Regionalität mit seinen Wertzuschreibungen und symbolischen Aufladungen. So betrachteten wir regional/Regionalität als Ausdruck für lokale Nähe in territorialem Sinne, aber auch als soziokulturell hergestellte Kategorie. Unser Interesse galt also den alltäglichen Praktiken des sich Ernährens und den sich damit verbindenden Strategien, Widersprüchen und Argumenten im Umgang mit der gesteigerten Sensibilität für Fragen der Lebensmittelproduktion, deren Distribution und Konsum wie deren Verschwendung. Tirol stellte dabei ein interessantes Untersuchungsfeld dar, da es sowohl regionale, subventioniert-produzierte Lebensmittel, als auch ein übervolles Angebot an global gehandelten Lebensmitteln in der engen Nachbarschaft der Supermarktregale gibt. 
Im ersten Semester unseres Lehrforschungsprojektes erarbeiteten wir uns zunächst einen Zugang zum Forschungs- und Wissensfeld der ethnologischen Nahrungsforschung und deren Querverbindungen zu den Agro-Food Studies. Auf der Grundlage des erworbenen Verständnisses für diesen Forschungszusammenhang konzipierten wir Interviewleitfäden für narrative Interviews zu ausgewählten Themenfeldern im Themenkreis „Was is(s)t Tirol?“. Diese Interviews waren zentral für unsere Forschung, denn sie bildeten die empirische Materialbasis anhand derer wir unsere Ergebnisse mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausarbeiteten. Die Präsentation der Ergebnisse erfolgte am 7. Juni 2019 an der Universität Innsbruck und online auf der Projekthomepage


Dissertationsprojekt 2019: Tierwohl. Das gute Leben der Tiere, die wir essen. (Arbeitstitel) 

In meinem Dissertationsprojekt "Tierwohl. Das gute Leben der Tiere, die wir essen. Zu Diskurs und Praxis in der kleinbäuerlichen Lebensmittelproduktion in Österreich." (Arbeitstitel) werde ich an der Schnittstelle von Human-Animal Studies und Agro-Food Studies arbeiten und den Anschluss an die Neuperspektivierung des Ländlichen in der Europäischen Ethnologie suchen. Während der Schwerpunkt der europäisch-ethnologischen Nahrungsforschung vor allem auf der Alltagsebene der Konsument_innen liegt, soll meine Studie angeleitet von den Agro-Food Studies aus der kritisch-reflexiven Grundperspektive der Europäischen Ethnologie heraus die sich wechselseitig bedingenden Sphären von Konsum und Produktion ins Blickfeld nehmen. Dabei wird die kleinbäuerliche Lebensmittelproduktion der fokussierten Rinderbetriebe als ein Element der vielgliedrigen Lebensmittelwertschöpfungskette betrachtet, für das ein ganzheitliches Verständnis nur innerhalb des Strukturzusammenhangs ebendieser entwickelt werden kann. Sowohl die europäisch-ethnologische Nahrungsforschung als auch die Agro-Food Studies müssen als anthropozentrische Forschungszusammenhänge angesehen werden. Die Perspektive der Human-Animal Studies hingegen erweitert meinen Zugang um die grundlegende Infragestellung des vorherrschenden Verhältnisses zwischen menschlichen und tierlichen Lebewesen. Dabei werden Tiere als Lebewesen von intrinsischem Wert wahrgenommen und wirkmächtige als Akteur_innen im Forschungsfeld anerkannt. Daraus folgt die Dezentrierung der/s Menschen, die/der nicht mehr als im Mittelpunkt des Forschungsinteresses gelten/gilt, sondern als eingebunden in ein Beziehungsgefüge verschiedener Spezies und Entitäten. Im Folgenden liegt der Fokus des Interesses auf den Qualitäten und Merkmalen, Strukturen und Widersprüchen der beobachteten Beziehungsgefüge. Mein Anliegen konzentriert sich dabei auch auf das Unternehmen, eine tiergerechte Sprache innerhalb meines Forschungssettings zu entwickeln und diese in der geplanten Publikation meiner Dissertation konsequent umzusetzen.

 

Falls Sie Interesse an meiner Forschung oder einer Zusammenarbeit haben, dann schreiben sie mir! Kontakt.